Eine Blogparade von Lemondays- ich habe gerade schon genug um die Ohren. Oh halt...worum geht es?

 „Weibliche Role-Models – wer uns inspiriert und ermutigt“ 

Schwups, in Sekundenschnelle entsteht der Text in meinem Kopf. Will raus. Na dann, los geht's...

Ein Samstag im Februar. Es regnet wie aus Eimern, es ist kalt und stürmisch. Um die 600 Menschen haben sich dennoch auf dem Schloßplatz in Oldenburg versammelt, um sich solidarisch mit den Menschen aus dem Gesundheitswesen zu erklären, die sich gegen eine Impfpflicht aussprechen. Unter ihnen ist eine 80jährige Frau, die an diesem Samstag an der ersten Demonstration ihres Lebens teilnimmt. 

Diese Frau ist meine Mutter.

Im zweiten Weltkrieg geboren und als Kleinkind auf der Flucht, kam sie aus Ostpreußen hier ins Ammerland, in Norddeutschland. Sie war ein Nachzügling in der Familie, ihre Brüder hänselten sie damit, dass sie „ein Produkt des Russland-Feldzuges“ sei, denn meine Großmutter war bereits 42 Jahre alt, als meine Mutter geboren wurde.

Meine Großeltern waren sehr wohlhabend, besaßen in Osterode (Ostpreußen) eine Drogerie, die sie bereits ihrem ältesten Sohn übergeben hatten, als der zweite Weltkrieg über sie hinein brach. Die Männer mussten alle an die Front, mein Großvater und meine zwei Onkel, sodass die Frauen auf der Flucht auf sich allein gestellt waren.

Erstmal in Wiefelstede angekommen, wohnten meine Oma, mein Tante, meine Mutter und noch zwei weitere weibliche Verwandte erstmal im Wald in einem Ferienhaus eines Oldenburger Unternehmers. Viele Ortsansässige hatte wenig Verständnis dafür, wie man so verantwortungslos sein könne, aber meine Mutter beschreibt diese Jahre im Waldhaus auch heute noch als die glücklichsten ihres Lebens.

Meine Großeltern starteten mit Ende Vierzig nochmal bei Null und gründeten auch hier eine Drogerie. Für meine Mutter stand als Teenager schon fast, dass auch sie Drogistin werden würde und für meine Großeltern sorgen wollte.

Eine Frau, ein Wort.

Nach der Lehre lernte meine Mutter meinen Vater kennen, der eigentlich Lehrer werden wollte. Um sich die Warterei auf einen Studienplatz zu  ersparen, legte meine Mutter ihm das Pharmaziestudium ans Herz und so wuchs die Drogerie meiner Großeltern zu einem Gesundheitsunternehmen mit Apotheke

Da mein Vater im Studium wenig Geld verdiente, sorgte meine Mutter für den Familienunterhalt. Ich bewundere meine Mutter für ihre Willensstärke, ihre Kraft und ihre scheinbar nie endende Energie.

Drei Kinder, ein eigenes Unternehmen, der Haushalt, der Garten, ein Hund und mein Vater, der sie während seiner aktiven Unternehmerzeit als Apotheker bei Haus, Hof und Familie nicht unterstützte. Oftmals half sie meinem Vater nach dem Abendessen noch in der Apotheke und fuhr die Medikamente aus. 

Ich frage mich heute, wo ich ja auch meine Familie und meine Selbstständigkeit jongliere, wie sie es schaffte, uns trotz der vielen Belastungen, niemals das Gefühl zu geben, wir wären ihr zu viel oder sie hätte keine Zeit. Wir Kinder wußten immer, dass sie ein offenes Ohr für uns hat und dass wir, wenn es brennt, immer auf sie zählen konnten. Sie ist für mich die Verkörperung einer Löwenmutter mit einem großen Herzen, die für ihre Kinder kämpft, wenn es nötig ist und ihnen gleichzeitig den Freiraum gibt, um zu selbstständigen, verantwortungsvollen Erwachsenen zu reifen.

Von Anfang an selbstbestimmt

Und gleichzeitig ist sie einen sehr selbstbestimmten Weg gegangen. Ihre Arbeit war Berufung, es kamen so viele Kunden nur wegen ihr. Weil sie ihren Rat wollten oder auch nur einfach, damit sie ihnen zuhörte. Sie hat ein ganz besonderes Talent, was wir in der Familie so beschreiben:

„Unsere Mutter verkauft jemandem Hühnerfutter, der dann erst losgeht, um sich Hühner zu kaufen und selig ist, weil er erkannt hat, dass die Hühner ihm schon immer gefehlt haben.“

Sie startete mit einer klassischen Drogerie, war dann eine der ersten Reformhaus-Pionierinnen, baute später das Unternehmen um eine Geschenkabteilung aus. Ihr Laden war eine Institution, sie  noch heute eine lokale Legende. Mitten auf dem platten Land baute sie ein Unternehmen auf, zu dem die Kunden aus Nah und Fern strömten.

Ich liebte es als Kind, heimlich den Gesprächen zu lauschen, die meine Mutter mit den Kunden führte. Ganze Nachmittage versteckte ich mich hinter Regalen oder Vorhängen und legte so sicherlich schon einen der Grundsteine für meine spätere Berufung.

Meine Mutter spricht Klartext, hält ihr Wort und lässt sich nicht verbiegen. Unannehmlichkeiten nimmt sie in Kauf, ihre Werte sind nicht verhandelbar.

Auf sie ist Verlass.

Ich kann immer auf sie bauen. Als ich als selbstständige Apothekerin mit einjährigen Zwillingen alleinerziehend war, hat sie angepackt. Ohne große Worte. Sie hat mir versucht, so gut es ging, zur Seite zu stehen. Ohne Gegenleistung, ohne Jammern und ohne Vorwürfe.

Sie hat oft ihre eigenen Grenzen überschritten, was auch mich geprägt hat. Auch ich dachte jahrelang, Arbeit müsste erschöpfend sein, sonst hätte man nichts geschafft. Die Kinder müssten immer an erster Stelle stehen, auch wenn es die eigene Gesundheit ruiniert.

Ich habe in diesen Momenten oft mit meiner Mutter gehadert, weil ich immer dachte, ich sei nicht gut genug. Ich müsse noch mehr leisten, habe mich mit ihr verglichen. 

Bis ich gemerkt habe, dass meine Mutter ihre Geschichte hat und ich meine. 

Im Kopf und im Herzen ist sie jung geblieben.

Natürlich altert meine Mutter auch- auch wenn ich das gerne stoppen würde. Aber das sind nur Äußerlichkeiten. Sie ist mittendrin im Leben, sie diskutiert, liest, studiert und bildet sich eine eigene Meinung. Sie lacht, ist fröhlich und für fast jeden Witz zu haben.

Schon jetzt zu Lebzeiten zitieren wir sie. „An den Beinen friert man nicht.“, „Ich bin nicht reich genug, um billig zu kaufen.“ oder  auch „Je älter man wird, umso wichtiger ist ein gepflegtes Äußeres.“ sind so Running Gags in unserer Familie.

Sie hat nie den einfachen Weg gewählt, sondern ist ihren Werten und Überzeugungen gefolgt. Ist nicht stehen geblieben, sondern entwickelt sich auch heute im Alter von über 80 Jahren jeden Tag weiter.

Es war sehr schwer für sie, als ich vor vier Jahren das Familienunternehmen, das sie von ihrem Vater übernommen hatte, geschlossen habe. Regelrecht ein Schock, denn die Apotheke war ihr Leben. Sie prüfte mich mit ihren Fragen und Bedenken auf Herz und Nieren, machte ihrem Entsetzen Luft und teilte ihre Sorgen mit.

Von dem Moment an aber, wo sie erkannte, wie ernst es mir ist, hat sie mich bedingungslos unterstützt. „Es ist Dein Unternehmen und Dein Leben. Und wenn das Deine Entscheidung ist, dann helfe ich Dir, so gut ich kann.“ Dies war ein weiterer Moment, wo meine Mutter mich mit ihrer Größe zutiefst beeindruckt hat.

Als Mutter war sie nicht nur ein Segen.

Wir hatten viele Konflikte. Wir hatten heftige Konflikte. Wir sind uns sehr ähnlich und sind doch so verschieden. Heute weiß ich, dass ich viele Themen angenommen habe, die eigentlich ihre waren. Das war nicht leicht und hat mich viele Tränen gekostet. Aber rückblickend hat es mich über mich hinaus wachsen lassen.

Wir sind durch alle Phasen durch. Sie war meine Beschützerin, mein Vorbild, meine Zielscheibe, mein Sandsack, mein Spiegel und meine Gefährtin.

Und seit diesem Samstag im Februar, an dem meine Mutter wie selbstverständlich für ihre Werte auf die Strasse gegangen ist, ist sie meine Heldin.

Danke Lemondays

Ohne die Idee dieser Blogparade hätte ich meiner Mutter vielleicht nie mitgeteilt, wie sehr ich sie bewundere. Hätte gedacht, dass dafür auch morgen noch Zeit ist. Bevor es dann womöglich zu spät ist. Auch das ist ein Beitrag zu innerem Frieden.

Du kennst Lemondays noch nicht? Dieses wunderbare Onlinemagazin für Frauen in den Wechseljahren? Seit diesem Jahr bin ich übrigens als Redakteurin dabei und freue mich, wenn Du einfach mal vorbeischaust...es lohnt sich.

Alles Liebe, Ann-Katrin